Helmut Schmidt: Der Bundeskanzler war erkältet

Helmut Schmidt: Der Bundeskanzler war erkältet

Helmut Schmidt war Senator, Verteidigungsminister, Kanzler – und für kurze Zeit Universitätsdozent. Jetzt sind die Dokumente für seinen einzigen Vortrag erschienen.

Erfahrene Redner: Helmut Schmidt, hier in seiner Zeit als SPD-Verteidigungsminister auf der verteidigungspolitischen Konferenz der Partei in Koblenz 1971 © Martin Athenstädte / dpa

Sie kommen in Hamburg nicht an Helmut Schmidt vorbei – der Flughafen, die Bundeswehruniversität und der ZEIT-Verlag tragen unter anderem seinen Namen. Es gibt kaum einen Menschen, der in der urbanen Selbsterzählung einen so herausragenden Platz einnimmt: als radikaler Krisenmanager der großen Sturmflut, als kaltblütiger Unterhändler im deutschen Herbst, als Publizist, der die Welt erklärt und eine Ikone älterer Staatsmann mit der Spitze in der Hand. Die fast unüberschaubare Anzahl von Biografien und thematischen Bändern erweckt den Eindruck, dass es keinen Aspekt dieses Lebens mehr gibt, der noch nicht erforscht und klassifiziert wurde.

Schmidt ist auch eng mit der Universität Hamburg verbunden. Studierte von 1945 bis 1949 Wirtschaftswissenschaften und war 1946 Mitbegründer des Sozialistischen Deutschen Studentenwerks (SDS). Nachdem er 1983 Kanzler geworden war, wurde ihm der Titel des Ehrensenators verliehen. Was sorgfältige Kinos bisher nicht bemerkt haben: Schmidts Rolle als Universitätsprofessor. Im Wintersemester 1965/66 hielt er auf dem Seminar für Sozialwissenschaften einen Vortrag mit dem Titel „Methoden für strategische Entscheidungen“. Basierend auf bisher unentwickelten Dateien im Helmut-Schmidt-Archiv kann nun auch dieses Detail von Schmidts Biografie untersucht werden.

Die Bundestagswahl im September 1965 markierte einen Wendepunkt in Schmidts Leben. Mit schwerem Herzen beschließt er, seine Heimatstadt Hamburg umzudrehen und zum zweiten Mal als Mitglied des Bundestages zu kandidieren. Im Wahlkampf soll er Verteidigungsminister im Schatten des Erhardt-Herausforderers Willy Brandt werden.

Schmidts Nähe zum Militär sorgt für Irritation

Schmidts Nähe zum Militär sorgt für Irritation

Der frühere Stabschef der Wehrmacht Schmidt hatte sich bereits Ende der 1950er Jahre als Verteidigungspolitiker in der SPD einen Namen gemacht, indem er Adenauers NATO-Politik und seine Pläne, die BRD mit Atomwaffen zu bewaffnen, scharf kritisierte. Damals befürchtete Schmidt, dass sich die deutsch-deutschen Verhältnisse verschärfen würden, was jede Hoffnung auf Wiedervereinigung zerstören würde. Gleichzeitig forderte er ein Tabu in militär- und verteidigungspolitischen Fragen für die gesamte Gesellschaft. See the article : Bundesliga-Rückschau: Na super. Damit die Bundeswehr eine wirklich demokratische Armee, ein Parlament, eine Partei und eine Gesellschaft werden konnte, mussten sie sich ihren Anliegen öffnen. Diese immer wieder nachgewiesene Nähe zum Militär (Schmidt nahm 1957 als Freiwilliger an Reserveübungen teil) wurde bereits von einer Reihe von Genossen irritiert und abgelehnt. In den folgenden Jahrzehnten wurde Schmidt wiederholt militaristische Tendenzen und eine Tendenz zum Autoritarismus vorgeworfen.

Mitte der 1960er Jahre änderte sich die allgemeine politische Wettersituation. Nach dem Bau der Mauer und der Kuba-Krise tritt der Kalte Krieg in eine neue Phase ein. Die Gewährleistung von Frieden und Annäherung erscheint jetzt dringender als das langfristige Ziel der Wiedervereinigung. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die direkte Abhängigkeit der Bundesrepublik von den strategischen Entscheidungen anderer. Es gibt auch große Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO über die Zukunft des Militärbündnisses: Während Frankreich zunehmend auf militärische und nukleare Unabhängigkeit angewiesen ist, erwägen die Vereinigten Staaten und Großbritannien eine gemeinsame Nuklearstreitmacht, zu der auch die BRD gehört. Schmidt hatte bereits 1961 in seinem Buch Defense or Retribution auf diese Konfliktlinien hingewiesen.

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Als einer der wenigen deutschen Beiträge zur Diskussion der westlichen Militärstrategie erlangte das Buch in internationalen Kreisen schnell ein hohes Ansehen. Der künftige Verteidigungsminister befürwortet einen gemeinsamen Ansatz der NATO-Partner. Dies erfordert jedoch eine Kultur der öffentlichen Debatte über die Verteidigungspolitik, die in Deutschland fehlt. Militärische Fragen sind zu wichtig, „um einerseits einigen Generälen und Beamten und andererseits einigen Sonntagsrednern überlassen zu werden. Insbesondere die Universitäten müssen endlich verstehen, dass sie ihre Rolle spielen müssen: wissenschaftliche Analyse“.

Die SPD verliert die Bundestagswahl im September 1965. Erhard bleibt Kanzler, Schmidt geht als Bundestagsmitglied nach Bonn und übernimmt den Vorsitz einer Fraktion. Nicht unbedingt eine offensichtliche Zeit, um es als Universitätsprofessor auszuprobieren, aber Schmidt will sich offenbar selbst eine treibende Kraft für die spirituelle Veränderung geben, die er fordert.

Die Vorlesung findet alle zwei Wochen statt: Sie wurde erstmals im Kurskatalog bis Donnerstag angekündigt und wird dann auf Montagabend verschoben, vermutlich passend zur Schmidt-Parlamentswoche, in der die Wochenenden größtenteils Hamburg vorbehalten sind. Von den acht geplanten Vereinbarungen finden offenbar nur sechs oder sieben statt, was definitiv aus politischen Gründen geschieht. In dem Kurzbericht aus dem Vortrag vom 13. Dezember kann Schmidts Entschuldigung für die Absage der letzten Sitzung gelesen werden: „Damals hätten Sie aus der Zeitung oder aus dem Fernsehen gehört, dass die Ursache die Erkältung des Kanzlers war, die zur Verschiebung der Regierungserklärung: „Da wir ein sehr zugänglicher Dozent waren, ist die letzte halbe Stunde jeder Sitzung offen für Fragen und Diskussionen.

Inhaltlich soll die Veranstaltung einen Überblick über das Feld der Militärstrategie in den Bereichen Außenpolitik, Rüstungstechnologie und Wirtschaft geben. Zu Beginn macht Schmidt deutlich, dass er keine eigenen Forschungsergebnisse präsentiert, sondern aktuelle politische Debatten und Problembereiche anhand der „offensichtlichen Fakten“ diskutiert. Die wichtigste Referenz ist hier der bekannte amerikanische Nuklearstratege Herman Kahn, dessen Buch On Escalation zusammen mit seinem eigenen Buch die Grundlage für Schmidts Vorlesungsunterlagen bildet.

Nach einer Einführung in das Problem der modernen Strategie werden die militärtechnologischen Revolutionen seit 1945 (Entwicklung von Atomwaffen, Entwicklung von ICBM, Atom-U-Booten als Mittel zur Verhinderung von Präventivangriffen), die Krisen- und Rüstungskontrollstrategien der NATO im Laufe des Semesters erörtert. Schmidt gibt einen Einblick in praktische Probleme der internationalen Politik und erklärt, warum Reaktionen aus Sicht verschiedener Akteure als rational angesehen werden können. Beeindruckend ist die Sitzung zum Thema „Krisenmanagement“, in der Schmidt als Krisenmanager am Beispiel der Krise in Berlin und Kuba über die Eskalation von Konflikten spricht.

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Die Akronym-Vorlesungsberichte machen deutlich, dass sich im Hörsaal ein professioneller Praktiker befindet. Schmidt befasst sich weniger mit der Vermittlung von Theorien oder Methoden als mit konkreten zeitgenössischen Studien. Um dies zu veranschaulichen, verwendet Schmidt Beispiele aus seiner Zeit als Hamburger Innenminister oder verweist auf ein aktuelles HSV-Fußballspiel, wenn es darum geht, den Gegner zu unterschätzen. Trotzdem will Schmidt seine Aussagen wissenschaftlich begründen. In der ersten Vorlesung beschreibt er das Gebiet der militärpolitischen Strategie als ein besonders geeignetes Thema für die wissenschaftliche Durchdringung; Die relevanten Fakten sind hier klarer als in anderen Bereichen sozialer Konflikte. Schmidt zieht Parallelen zur Ökonomie, die mit ähnlichen Problemen beim Ansatz eines vereinfachten Modells und einer komplexen Realität zu kämpfen hat. Letztendlich sollte sich der politische Entscheidungsträger nicht blind auf theoretische Modelle verlassen, sondern diese immer im Auge behalten.

Helmut Schmidts Verhältnis zu den Sozialwissenschaften war pragmatisch. Während seines Studiums kam er mit soziologischer Literatur in Kontakt und beklagte sich über die Marginalisierung der Sozialwissenschaften in Bezug auf die amerikanische Universitätslandschaft. Gleichzeitig machte er während seiner Zeit in der SDS kein Geheimnis aus seiner Ablehnung einer übermäßigen theoretischen Debatte. Logischerweise sah er später die langjährige „Avideologisierung“ der SPD im Godesberg-Programm von 1959, die ihr Profil nicht mehr aus vermuteten sozio-theoretischen Wahrheiten ableitet, sondern deren „moralische Grundhaltung“ bestimmt. Das Konzept der Moral spielt im Allgemeinen eine wichtige Rolle für Schmidts Verständnis von Politik.

Mit Immanuel Kant, Max Weber und Karl Popper als wiederholt genannten Quellen glaubt Schmidt, dass Politik in moralischen Prinzipien verwurzelt sein muss, die dann durch eine rationale Analyse der Situation und eine nüchterne Abwägung der eigenen Handlungsoptionen relativiert werden können. Dies wird auch in seiner Strategievorlesung deutlich, wenn es im Anhang kurz gesagt wird: „Strategie als Wissenschaft bedeutet: 1) so rational wie möglich; 2) keine Emotionen und keine Vorurteile einschleichen lassen; 3) bedeutet nicht: ohne Moral ! „

Das Thema Sozialwissenschaften bleibt Schmidt jedoch nicht so unempfindlich. Drei Jahre nach dem Ausflug in den Hamburger Hörsaal wird er mit einer radikalisierten Gruppe von Studenten konfrontiert, die ein völlig anderes Verständnis von Politik und Theorie vertreten als er. Nach dem ersten Dialogversuch in universitären Diskussionsveranstaltungen nimmt Schmidt zunehmend einen Konfrontationskurs. Im Oktober 1968 wurde auf einer Arbeiterkonferenz in Gießen ein Zitat von ihm in den Medien verbreitet: „Wir brauchen gute Anwälte, wir brauchen nicht so viele Soziologen und Politikwissenschaftler, wie wir derzeit an Universitäten produzieren. Wir brauchen Menschen mit einem echte Arbeit, wie die Gesellschaft Dringend muss heute in der Lage sein, nach Bedarf zu trainieren. „

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Die Zeitung reißt das Zitat aus dem Kontext der Diskussion über die juristische Ausbildung und den öffentlichen Aufstand über Schmidts angebliche Feindseligkeit gegenüber der Soziologie heraus und macht Wellen. Im November 1968 schrieb Theodor W. Adorno an Helmut Schmidt, er habe gehört, Schmidt habe einen Kollegen beschuldigt, für das „Soziologenpaket“ des Studenten verantwortlich zu sein. Es folgt ein kurzer Briefwechsel, in dem Schmidt die Vorwürfe bestreitet und ein wenig wählerisch sein langjähriges Interesse an den Sozialwissenschaften und die hohe Relevanz der Disziplin zum Ausdruck bringt.

Beide sind sich dann einig, dass die Zahl der großen Studenten der Sozialwissenschaften im Verhältnis zur Realität des Arbeitsmarktes offensichtlich unverhältnismäßig ist und dass dafür Lösungen gefunden werden müssen. Von da an hielt sich Schmidt mit Kritik an den Sozialwissenschaften und ihren Vertretern öffentlich zurück. Aber innerhalb der Partei hält er an seiner Ablehnung der Studentenbewegung und ihres Gehirns fest: „Ich kann nur lachen, […] wenn diese Herren, die der Studentengeneration die allgemeine, idiotische Theorie des Faschismus einflößten, plötzlich anfangen zu weinen, wenn ihre eigene Institute sind besetzt. Professor Adorno. „

Helmut Schmidts Vortrag steht nicht nur für sein pragmatisches Verständnis der Politikwissenschaft, sondern hat auch dazu beigetragen, eine demokratische militärische Tradition in Deutschland zu etablieren. Die Gründung des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg und der beiden Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München Anfang der 1970er Jahre sind weitere Schritte in diese Richtung. In Bezug auf die Rolle der Sozialwissenschaften in diesem Prozess kann mit Schmidt gesagt werden, dass Sicherheitsfragen zu wichtig sind, um sie den Militärexperten zu überlassen. Zur Beurteilung aktueller Konflikte ist neben militärstrategischem Wissen ein theoretisches Verständnis moderner Gesellschaften und eine kritische Reflexion des eigenen Standpunkts in diesen erforderlich. Für ein Projekt wie dieses sind die Vertreter der sozialwissenschaftlichen Theorie, die Schmidt wenig beachtet, möglicherweise nicht die schlechtesten Kontakte.

Dieser Artikel wurde auch im Transcript Verlag in der Anthologie „100 Jahre Politikwissenschaft in Hamburg“ veröffentlicht.

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