Obdachlose in Corona-Zeiten: Auf dem Weg der Besserung?

Obdachlose in Corona-Zeiten: Auf dem Weg der Besserung?

Maja Tussing (r) arbeitet im Rahmen ihres freiwilligen Sozialjahres (FSJ) bei der Berliner Stadtmission. Gibt einem 34-jährigen Einwohner ein Paar Schuhe (Bild: Christophe Gateau / dpa)

Was tun, wenn das Motto “Lass uns zu Hause bleiben” “zu Hause” fehlt? Obdachlose sind anfällig für die Pandemie auf den Straßen. Aber eine Impfkampagne ist im Gange.

Mit seinem schwarz-weißen Overall und den buschigen Koteletten, die unter der Nase zu einem Schnurrbart wachsen, sieht der 34-Jährige aus wie ein Promi-Boxer. Man kann es nicht daran erkennen, dass dieser Mann schon lange kein dauerhaftes Dach mehr über dem Kopf hatte. “Ich habe sehr lange auf der Straße gelebt”, sagte er der deutschen Nachrichtenagentur in Berlin.

Immer mehr Infektionen

Immer mehr Infektionen

An diesem April-Tag weht ein kalter Wind durch die Hauptstadt – Ausreisebeschränkungen werden vielerorts diskutiert. “Wir Menschen auf der Straße haben Kontakte zu vielen Menschen”, sagt der Mann. Er ist jetzt geimpft. Keine Angst vor Nebenwirkungen. Aber seine Freunde machten ihm Sorgen: “Immer mehr” er war in den letzten Monaten mit Corona infiziert worden.

Wie viele Menschen leben derzeit in Berlin auf der Straße? Der Senat hat keine genaue Antwort auf die Anfrage der dpa. Die erste freiwillige Obdachlosenzählung im Januar 2020 führte zu fast 2.000 Menschen.

Klaus-Dieter Hoppe (rechts), Koch bei der Berliner Stadtmission, in der Küche der Einrichtung (Bild: Christophe Gateau / dpa)

Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums gibt es auf nationaler Ebene “nur Schätzungen”. Schätzungsweise 542.000 Menschen in Deutschland waren Mitte 2018 obdachlos. “Neuere Daten sind für Bundesgebiete nicht verfügbar.” Auf die Frage, wie Obdachlose besser vor Corona geschützt werden können, spricht das Ministerium über Impfungen. Schließlich haben sie nach der Impfverordnung als Teil der Gruppe 2 Vorrang, solange sie in Obdachloseneinrichtungen “untergebracht oder arbeiten”.

  Super League: Erlaubt ist es schon

“Dies ist wichtig für die Gesundheit dieser Menschen, da sie zu Gruppen gehören, die aufgrund ihrer Lebensbedingungen besonders bedroht sind und daher eine hohe Priorität haben”, sagte Elke Breitenbach, Senatorin für Soziales in Berlin (links). Der 34-Jährige lebt derzeit in einer Einrichtung, die von der Berliner Stadtmission verwaltet wird. Gut die Hälfte der Bewohner habe das Impfangebot sofort angenommen, sagt die Sprecherin der evangelischen Hilfsorganisation Barbara Breuer.

Impfkampagne mit Startschwierigkeiten

Impfkampagne mit Startschwierigkeiten

Nach Angaben des Berliner Senats war die Impfkampagne zum Schutz der Obdachlosen zunächst auf das Impfverbot mit dem Astrazeneca-Impfstoff und die verspätete Lieferung des Präparats durch Johnson & amp; Johnson erstarrte. Ende April wurden in wenigen Tagen bis zu 3.000 Obdachlose in der Hauptstadt geimpft.

Nach anfänglichen Problemen nehmen Corona-Impfungen für Obdachlose laut dpa-Forschung in ganz Deutschland Fahrt auf. Laut Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) werden mobile Impfteams in Bayern ab Mai auf der Straße lebende Menschen impfen. Mitte April begann die Stadt Frankfurt mit der Immunisierung von Menschen, die in Wohngemeinschaften leben oder arbeiten.

Gabriela Aldama, Ärztin der Quarantänestation der Stadtmission (Bild: Christophe Gateau / dpa)

Nach Informationen aus Städten und Landkreisen haben die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern bereits vielerorts ihre erste Coronavirus-Impfung erhalten. Nach Schätzungen der örtlichen Sozialorganisation erhielten rund zehn Prozent der 60.000 Obdachlosen in Nordrhein-Westfalen den Spaten im Oberarm.

4.800 Dosen von Johnson & amp; Johnson plant nach Angaben des Gesundheitsministeriums den Thüringer Freistaat für die Unterbringung und Unterstützung von Obdachlosen. Hamburg kündigte auch an, diese Vorbereitung zunächst hauptsächlich Obdachlosen anzubieten. Der Grund: Im Gegensatz zu den Impfstoffen Biontech / Pfizer oder Moderna ist eine einzige Injektion ausreichend.

  Zugverkehr in den USA : Selbst Gott käme ohne Auto hier nicht weit

Arzt warnt: Priorisierung greift zu kurz

Arzt warnt: Priorisierung greift zu kurz

In der Realität vieler Obdachloser ist es einfach “nicht immer möglich, in vier bis fünf Wochen einen zweiten Termin zu vereinbaren”, erklärt Mainzer Arzt Gerhard Trabert. Die Tatsache, dass nach der Impfverordnung nur Obdachlose eine “hohe Priorität” haben, wenn sie in einer Einrichtung “untergebracht oder aktiv” sind, reicht seiner Ansicht nach nicht aus. Menschen, die zum Beispiel nur auf der Straße lebten, wären zunächst ausgeschlossen worden.

“Auch wenn die Impfpriorität irgendwann aufgehoben wird, muss sichergestellt werden, dass es immer noch niedrigschwellige Impfangebote für Obdachlose und Obdachlose gibt”, fügt der Präsident des Deutschen Sozialverbandes (Berlin), Adolf Bauer, hinzu. Während nicht alle “besonders gefährdeten Gruppen” ein Impfangebot erhalten haben, ist die Diskussion über die Abschaffung der Priorität “verfrüht”.

Barbara Breuer, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission, vor dem Eingang der Einrichtung in Mitte (Bild: Christophe Gateau / dpa)

Die Hilfe für Obdachlose zu Coronas Zeiten war zunächst ein großes Experiment, sagt Breuer, Sprecherin der Stadtmission. In einer umgebauten Berliner Jugendherberge mit gelb getönten Fenstern bietet das Anwesen positive Obdachlose und verdächtige Fälle warme Unterkunft. “Das Schlimmste ist Fieber auf der Straße”, berichtet Breuer. Anfangs wurden 16 Quarantänestellen angeboten, jetzt sind es 100. Derzeit sind ca. 40 Betten belegt.

Trotz Corona gelang es ihm, seine Heroinsucht unter Kontrolle zu halten, sagt der 34-Jährige. “Ich habe hier viel Hilfe bekommen.” Seinem Bericht zufolge sucht der ausgebildete Automechaniker seit über einem Jahr nach einem Job. Aufgrund der Pandemie gibt es weniger Vorstellungsgespräche – Menschen haben Angst vor Infektionen.

Video: “Der Sommer wird gut” – Karl Lauterbach ist optimistisch

  Alle neuen Filme und Serien auf Netflix im Mai